Biofeedback bei Migräne: Aktuelle Stellungnahme entfacht erneut Diskussionen

Biofeedback ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode, die weltweit in der medizinischen Praxis zur Entspannung und Rehabilitation eingesetzt wird. Die Wirksamkeit und Sicherheit von Biofeedback zur Vorbeugung und Behandlung von Migräne wird jedoch kontrovers diskutiert. Daher geben verschiedene medizinische Fachgesellschaften unterschiedliche Empfehlungen, ob eine Biofeedback-Therapie zur Vorbeugung und Behandlung von Migräne angezeigt ist. Der Medizinische Dienst Bund hat im März 2024 die Evidenzlage zu Biofeedback bei Migräne erneut überprüft und seine Ergebnisse jetzt veröffentlicht.

Eine Frau hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Schläfen und scheint starke Kopfschmerzen zu haben.

Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz, es ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das tägliche Leben Millionen von Menschen beeinträchtigt. Foto: Shutterstock

Biofeedback in der Migräneprophylaxe und -behandlung

Biofeedback ist eine wissenschaftliche Methode, die biologische Vorgänge im Körper mit technischen Hilfsmitteln sichtbar, fühlbar oder hörbar macht, mit dem Ziel, den Patienten in die Lage zu versetzen, unbewusste Körperprozesse aktiv zu beeinflussen. Anwendungen und Techniken des Biofeedbacks werden in der medizinischen Praxis weltweit zur Entspannung und Rehabilitation, aber auch zur Vorbeugung von Migräneattacken oder zur Linderung der Symptome bei akuten Migräneattacken eingesetzt. Die Wirksamkeit von Biofeedback in der Migräneprophylaxe und -behandlung wird jedoch kontrovers diskutiert.

Bisherige Datenlage zu Biofeedback bei Migräne

Die Empfehlungen zur Biofeedback-Therapie gehen zwischen den verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften auseinander. Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Neurologie in Zusammenarbeit mit der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft als auch die American Migraine Foundation empfehlen Biofeedback zur Behandlung oder -Prophylaxe von Migräne.1,2,3

Der Medizinische Dienst Bund (MDB), hingegen, eine Expertenkommission, die Kranken- und Pflegekassen in medizinischen Fragen unterstützt, hatte sich 2012 mit dieser Frage beschäftigt und kam damals zu einem negativen Ergebnis. Aus diesem Grund ist das Biofeedback bei Migräne in Deutschland nicht als Kassenleistung zugelassen, sondern wird als sogenannte individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) eingestuft, die nur privat abgerechnet werden kann.

Neue Stellungnahme des MDB vom März 2024

Nach zwölf Jahren hat der Medizinische Dienst Bund die Evidenzlage zu Biofeedback bei Migräne erneut gesichtet und die Ergebnisse in einer IGeL-Monitor-Mitteilung vom März 2024 zusammengefasst.4

Der MDB stellt fest, dass nur drei systematische Übersichtsarbeiten gefunden wurden, in denen die Wirksamkeit von Biofeedback zur Migräneprophylaxe untersucht wurde. Diese ließen jedoch aus methodischen Gründen insgesamt keine eindeutigen Schlussfolgerungen zu. Außerdem wurden drei Einzelstudien zur Migränevorbeugung mit Biofeedback analysiert, die der MDB jedoch als wenig aussagekräftig einschätzt.

Zur Akutbehandlung eines Migräneanfalls mit Biofeedback-Verfahren seien keine Studien gefunden wurden, weder Einzelstudien noch systematische Reviews. Der Medizinische Dienst Bund kommt daher zu dem Schluss, dass die Forschungslage zur Wirksamkeit von Biofeedback sowohl in der Migräneprävention als auch in der Akutbehandlung nicht ausreichend sei. Dies liege vor allem daran, dass es nur wenige Studien zu dieser Fragestellung gebe. Zudem seien deren Ergebnisse aufgrund kleiner Stichprobengrößen, kurzer Laufzeiten und unklarer bzw. unzureichender Wirksamkeitsnachweise nicht aussagekräftig genug.

Fazit – Eine andauernde Debatte

Nach Auffassung des Medizinischen Dienstes Bund ist die derzeitige Evidenzlage zur Biofeedbacktherapie sowohl in der Prävention von Migräneattacken als auch in der Behandlung akuter Migräneepisoden immer noch nicht ausreichend. Weitere hochwertige Forschung ist erforderlich, um die potenzielle Rolle von Biofeedback in der Migräneprophylaxe und -behandlung zu klären. Daher wird der Einsatz von Biofeedback bei Migräne – wie in der ersten Bewertung aus dem Jahr 2012 – weiterhin als „unklar“ eingestuft, was eine Einstufung dieser Therapieform als Kassenleistung weiterhin unwahrscheinlich macht.

Für eine umfassende Auseinandersetzung mit Biofeedback und seinen zahlreichen Einsatzgebieten empfehlen wir Ihnen unseren ausführlichen Hauptartikel: „Die Macht des Biofeedback: Kontrolle über den eigenen Körper erlangen„. Zusätzlich möchten wir Sie auf einen speziellen Beitrag aufmerksam machen, der sich gezielt mit der Anwendung von Biofeedback bei Kindern beschäftigt.

Quellen anzeigen
  1. Neurologen und Psychiater im Netz. Migräne: Schmerzkontrolle durch Biofeedback möglich. Veröffentlicht am 15.03.2017. Abgerufen am 19.-24.03.2024.
  2. Ärzteblatt. Unterschiedliche Auffassungen zur Biofeedback-Therapie gegen Migräne. Veröffentlicht am 06.03.2024. Abgerufen am 19.-24.03.2024.
  3. American Migraine Foundation. Biofeedback and Relaxation Training for Headaches. Veröffentlicht am 12.11.2016. Abgerufen am 19.-24.03.2024.
  4. IGEL-Monitor, Medizinischer Dienst Bund. Biofeedback-Therapie bei Migräne. Letzte Aktualisierung am 06.03.2024. Abgerufen am 19.-24.03.2024.
Dr. Markus Numberger, promovierter Neurowissenschaftler und medizinischen Fachautor, spezialisiert auf molekulare Neurobiologie, Komplementär- und Integrativmedizin sowie medizinische Kommunikation. Dr. rer. nat. Markus Numberger
Mit einer beeindruckenden Laufbahn, die ihn unter anderem ins Labor des Medizin-Nobelpreisträgers Bert Sakmann führte, ist Dr. Markus Numberger ein herausragender Experte in molekularer Neurobiologie. Seine wissenschaftliche Neugier und sein tiefgründiges Fachwissen, ergänzt durch Forschungsaufenthalte in den USA und an der Charité Berlin, ermöglichen es ihm, die Komplexität der Komplementär- und Integrativmedizin verständlich zu vermitteln.
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