Glutenfrei ohne Grund? Wie der Nocebo-Effekt Glutenunverträglichkeit vortäuschen kann

Viele Menschen berichten, dass sie sich nach dem Verzehr von Brot oder Teigwaren häufig unwohl fühlen. Sie bekommen Bauchschmerzen oder andere Verdauungsprobleme, obwohl sie objektiv weder an Zöliakie, einer durch Gluten ausgelösten Autoimmunerkrankung des Dünndarms, noch an einer Weizenallergie leiden. Wenn Gluten also ausscheidet, welche anderen Faktoren könnten für diese Reaktionen verantwortlich sein?

Frau mit Unbehagen hält Teller mit Toast, möglicher Hinweis auf Glutenunverträglichkeit.

Glutenunverträglichkeit in Deutschland nimmt zu, doch nicht alle Fälle sind auf medizinische Ursachen zurückzuführen. Foto: Shutterstock

Nicht-zöliakische Glutensensitivität: Eine neue Studie erforscht das Phänomen

In den letzten Jahren ist die Glutenunverträglichkeit auch bei Menschen ohne Zöliakie (Nicht-zöliakische Glutensensitivität, NCGS) ein zunehmend diskutiertes Thema. Viele vermeiden Gluten in der Annahme, dass Gluten gastrointestinale Symptome verursacht. Aus diesem Grund hat die Kennzeichnung „glutenfrei“ als Marketingargument stark zugenommen – zum Teil auch bei Lebensmitteln, die von Natur aus kein Gluten enthalten.

Die Frage ist, ob es sich beim NCGS um einen ähnlichen Mythos wie bei der Glutamat-Angst handelt, und die Symptome entweder eine ganz andere Ursache haben oder zumindest durch die negative Erwartungshaltung gegenüber Gluten beeinflusst werden. Im November 2023 veröffentlichte die renommierte medizinische Fachzeitschrift The Lancet Gastroenterology & Hepatology eine Studie, in der untersucht wurde, ob die Symptome der NCGS tatsächlich durch Gluten ausgelöst werden, oder ob eine negative Erwartungshaltung dabei eine Rolle spielt.1

Struktur und Methodik der Studie

Die Studie wurde randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert an zwei niederländischen und einer britischen Universität zwischen 2018 und 2022 durchgeführt. Eingeschlossen wurden 84 Personen (Alter 18–70 Jahre, 86% Frauen) mit selbstberichtetem NCGS (d.h., gastrointestinale Symptome innerhalb von 8 Stunden nach Glutenkonsum) ohne diagnostizierte Zöliakie oder Weizenallergie. Am Testtag aßen die Teilnehmenden zum Frühstück und (4 Stunden später) zum Mittagessen je zwei Scheiben Haferbrot (entweder glutenhaltig oder glutenfrei). Dazu wurden sie randomisiert einer von vier Gruppen zugewiesen (E= Erwartung, G= Gluten):

  • E+G+: die Probanden erwarteten und erhielten glutenhaltiges Brot
  • E+G–: die Probanden erwarteten glutenhaltiges Brot, erhielten aber glutenfreies
  • E–G+: die Probanden erwarteten glutenfreies, erhielten jedoch glutenhaltiges Brot
  • E–G–: die Probanden erwarteten und erhielten glutenfreies Brot

Bis 8 Stunden nach dem Frühstück bewerteten alle Probanden stündlich ihre gastrointestinalen Symptome auf einer analogen Skala für Reizdarmsymptome (Visual Analogue Scale for Irritable Bowel Syndrome, VAS-IBS).

Studienergebnisse

Es ergaben sich folgende durchschnittliche Symptomwerte (VAS-IBS):

  • E+G+: 16,6
  • E+G–: 11,7
  • E–G+: 6,9
  • E–G–: 7,4

Nicht überraschend hatte die Gruppe, die dachte, sie würde Gluten essen und auch aß (E+G+), die stärksten Beschwerden. Interessanterweise waren aber die gastrointestinalen Symptome bei denjenigen, die glutenhaltiges Brot erwarteten, durchweg signifikant höher, unabhängig davon, ob sie tatsächlich Gluten erhielten oder nicht. Der etwas höhere Symptomwert in der ersten Gruppe (E+G+) gegenüber der zweiten (E+G–) war nicht signifikant (p=0,28). Auch zwischen den anderen Gruppen gab es keine statistisch signifikanten Unterschiede.

Nicht-intestinale Nebenwirkungen wurden in zwei Fällen in der Gruppe E+G– (Juckreiz am Kiefer, Schwindelgefühl und Magengrummeln) und in einem Fall in der Gruppe E–G+ (Erbrechen) berichtet.

Nocebo-Effekt als Ursache für Glutensensitivität

Die Erwartungshaltung hatte in dieser Studie den stärksten Effekt auf die gastrointestinalen Symptome, und zwar unabhängig vom tatsächlichen Glutenkonsum. Dies deutet auf einen starken Nocebo-Effekt bei Gluten hin (d.h., dass die Erwartung, Gluten zu essen, allein schon ausreichen kann, um Symptome hervorzurufen; das Gegenteil von Placebo). Allerdings kann ein zusätzlicher Effekt von Gluten nicht ausgeschlossen werden. Die Ergebnisse dieser Studie unterstreichen die Notwendigkeit, die mögliche Beteiligung der Darm-Hirn-Achse bei NCGS weiter zu erforschen. Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse über den Einfluss von Erwartungshaltungen auf die Symptomatik bei NCGS und unterstreicht die Komplexität der Erkrankung, die über die reine Glutenaufnahme hinausgeht.

Obwohl in dieser Studie Haferbrot verwendet wurde, könnten auch andere Inhaltsstoffe als Gluten zu Beschwerden führen. Aus diesem Grund wurde in der deutschen Zöliakie-Leitlinie der Begriff NCGS durch Nicht-Zöliakie-Weizen-Sensitivität (NCWS) ersetzt.

Dr. Markus Numberger, promovierter Neurowissenschaftler und medizinischen Fachautor, spezialisiert auf molekulare Neurobiologie, Komplementär- und Integrativmedizin sowie medizinische Kommunikation. Dr. rer. nat. Markus Numberger
Mit einer beeindruckenden Laufbahn, die ihn unter anderem ins Labor des Medizin-Nobelpreisträgers Bert Sakmann führte, ist Dr. Markus Numberger ein herausragender Experte in molekularer Neurobiologie. Seine wissenschaftliche Neugier und sein tiefgründiges Fachwissen, ergänzt durch Forschungsaufenthalte in den USA und an der Charité Berlin, ermöglichen es ihm, die Komplexität der Komplementär- und Integrativmedizin verständlich zu vermitteln.
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